Freitag, 26. April 2013

Weinrallye #62 - 5€ - die Grenze des guten Geschmacks?



Lieber Nico Medenbach!

Ich mache ja gerne bei der Weinrallye mit und dass gerade Du, einer meiner allerliebsten Lieblingsweinblogger, die April-Weinrallye* auf Deinem Blog drunkenmonday ausrichtest, wie hat mich das gefreut. So weit, so gut. Natürlich hab ich sofort meine Teilnahme eingetragen, Weinrallye bei Nico – Ehrensache! Aber auf was für ein Abenteuer hab ich mich da eingelassen! Ich bin doch kein Weinprofi, der durch alles durch muss, ich trinke Wein zu meinem Vergnügen!

Aber dann kam's knüppeldick! Das Thema: "Weine bis 5€!" Sogar unser Diplom-Kommentator Dr. Komm. hc MatthiasH hat es gemerkt, das Thema ist so ausgelutscht, wie ein Eierlikörglas beim Damenkränzchen. Alles ist doch schon dazu gesagt, von allen, und mehrmals, ja quasi bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Man muss nur noch die verschiedenen Statements einfach fein übersichtlich für jedermann zum nachlesen zusammenfassen. Diese Aufgabe habe ich dem Leo übergeben, der hat das ja mit den Lucien-Favre-Antworten auch so nett hingekriegt und quasi als sein Gesellenstück hat er jetzt das "5.-€-Wein-Bullshit-Bingo" entwickelt. Das könnt Ihr ausdrucken, mitführen und während der in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Diskussion spielen. Und mehr gibt es zum Thema wirklich nicht zu sagen.

designed by Leo R.


Das andere ist die Beschaffungssituation. Natürlich kann man einwenden, dass ungefähr 80% des gesamten Weines in Deutschland im LEH oder Discount abgesetzt wird und die überwiegende Mehrzahl der Weine dort im Preissegment unter 5.-€. Wo ist also das Problem, liebe susa, geh hin, kauf ein paar Flaschen, probier sie, schreib drüber! Hey, ich will aber keine Weine trinken, von denen ich schon im Vorhinein weiß, dass ich sie eigentlich gar nicht trinken will.

Denn ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass es sich  mit den Supermarkt/Discount-Weinen so ähnlich verhält wie mit der Menge Frösche, die man küssen muss, bis man einen Prinzen darunter findet, man also die rar gesäten Perlen erst nach langen und ermüdenden Testreihen herausfindet. Und das macht schon die Cordula, die hat ja diesen Monat quasi ein Heimspiel. Und nachdem ich unsere örtlichen Aldi, Lidl, real, Edeka und Rossmann durchpflügt hatte, hatte ich die Faxen auch irgendwie dick.


Es gibt zwar ein paar ganz ordentliche Weine im Supermarkt, die ich auch durchaus mal trinke, aber leider leider (natürlich nicht für den Verkäufer) sind die fast alle preislich oberhalb der von Nico geforderten Grenze. Dazu gehört z.B. die Casillero del Diablo Reihe von Concha y Toro, sauber und ordentlich gemacht, typisch, ausgewogen und nicht allzu langweilig, ebenso wie der Koonunga Hill von Penfolds. Insgesamt haben in diesem Segment, so scheint es, die Überseeanbieter qualitativ die Nase vorn. Selbst die Gallos lassen sich unfallfrei trinken. Aber auch der Rosé aus Fritz Kellers Aldi-Kollektion ist so übel nicht (und ich muss ja immer mal ein Rosé-Opfer bringen); desgleichen auch der Kellersche rosé Winzersekt, aber der dürfte hier sowieso nicht mitspielen, weil über der magischen 5.-€ Grenze.

Und, da der Nico ja nicht ausdrücklich von Flaschen gesprochen sondern lediglich die Preisgrenze für 0.75 l Wein gefordert hat: es gibt allen Unkenrufen zum Trotz vernünftige Weine in BiBs (die allerdings, wenn sie in der Flasche abgefüllt angeboten werden, die Kriterien hier auch nicht mehr ganz erfüllen). Teilnehmer unseres Foodbloggerfotokurses in Düsseldorf werden sich sicher noch gerne an den 5-l-Würfel Château de Bonhoste, AOC Bordeaux  erinnern, den ich mitgebracht habe, der sehr ordentlich war und dementsprechend guten Zuspruch hatte. Dass Weinen aus dieser Verpackungsvariante allenthalten Skepsis entgegengebracht wird, hat vielleicht mit den 1-l-Tetrapack-Kreszenzen zu  89 ct zu tun, die selbst die Discounter verschämt im alleruntersten Regal verstecken.

Und zu guter Letzt, als ich nach vielen Irrfahrten durch meine lokale Versorgungssituation (für das Fahrgeld hätte ich mir gleich eine oder zwei richtig feine Flaschen Wein kaufen können) meine Ausbeute ausbreitete und Herrn susa bat, mir bei der Verkostung zur Seite zu stehen, hatte der doch auf einmal Migräne. Ein Mann! Abends Migräne! Ja, nee, is klar! Wo er sonst immer als erster dabei ist, wenn das Wort Weinprobe auch nur geflüstert wird. Und überhaupt, schob er noch nach, er tränke Wein nicht um des Weintrinkens willen, er wolle Weine mit Charakter, die Spaß machten und Genuss bereiteten. Für solche Spielchen sei er zu alt. Sprach's und zog sich eine Flasche 2008er La Falaise, Château Négly, aus dem Languedoc auf. Die sei ja auch nun nicht so teuer, und lieber so einer und drei Tage nichts als jeden Tag … (hab ich das nicht schon mal irgendwo gehört). Dann hat er aber doch ein bisschen mitprobiert.

Hier die Probanden:




And now the votes of the susa-familiy jury:

Auf einem guten dritten Platz liegt der

Retsina 

der selbst auf seinem Etikett seltsam namenlos bleibt. Er hat alles was ein Retsina braucht, er schmeckt ordentlich nach klein gehacktem Tannenbaum, nicht allzu kräftig und besitzt sogar ein wenig Zitrusaromen. Und er erinnert an die Studienzeit, wo wir beim "Griechen um die Ecke" Retsina im Viertel- oder Halbliter in kleinen Kupferkännchen serviert bekamen und bei Fleischspieß und Moussaka die kommende Weltrevolution ebenso durchdiskutierten wie das jeweilige Liebesleben, den nie funktionierenden Spülplan unserer WGs und die Perfidie des Dozenten Sp., in Köln an Weiberfastnacht eine Klausur anzusetzen (Sp. ist Berliner und ich hatte mit einer Drei-Minus noch eines der besten Ergebnisse).

Dieser Retsina ist eine Sommeraktionsware von Lidl (kommt immer mal wieder sporadisch ins Sortiment) und kostet (oder kostete bisher) 0.99€/0.5 l (und damit klar ist, dass er die Wettbewerbsbedingungen wirklich erfüllt, das entspricht 1,49€ für 0,75 l). Das, so wage ich mal zu behaupten, ist bestimmt der allerpreiswerteste Wein, der an dieser denkwürdigen Veranstaltung teilnimmt. Und man kann ihn durchaus trinken. Sogar mit Vergnügen. An einem heißen Sommerabend auf der Terrasse zum Beispiel (aber das ist wieder eine andere Geschichte). Kommentar Herr susa: Nein, bei aller Liebe, den probier ich heute nicht mehr!


Die Silbermedaille geht an den 

Vinho Verde 
Casal Garcia, Portugal

Ich kannte ihn noch aus dem Portugalurlaub und dort war er mein Standardbegleiter zur Geflügel-Cataplana in unserer Stammkneipe.

Der tut keinem weh, der ist nicht sehr ausgeprägt aber angenehm zartfruchtig und mit einem winzig feinem Mousseux, nicht ganz trocken, angenehme Zitrusnoten. Die ambitionierten Vinhos Verdes, die es durchaus gibt, komplex, intensiv, aromenstark, empfinde ich persönlich immer als ein wenig am Thema vorbei. Ein Vinho Verde ist umso besser je weniger Philosophie er mitbringt. Der Casal Garcia ist gradlinig, mit 10 vol% Alkohol angenehm leicht und ein netter Begleiter zu den unvermeidlichen Scampi in Knoblauch beim Portugiesen. Herz, was willst Du mehr. Gibt es bei real.- für 3.99€/0.75 l. Kommentar Herr susa: OK, irgendwie ganz nett, aber ich würde ihn auch nicht vermissen.


And the winner is

2011 Ercavio blanco
Mas que Vinos, Spanien

Im örtlichen Fachhandel für 4.90€ erstanden (Beleg anbei).

Die Geschichte der Bodegas Ercavio kann nicht erzählt werden, ohne kurz auf die Önologin Alexandra Schmedes einzugehen, die ihre ersten Schritte auf spanischem Weinboden bei dem renommierten Gut Remirez de Genuza machte. Und die auf männliche Weinmessen- und Veranstaltungsbesucher eine ähnliche Anziehungskraft ausübt wie die Herren Grassl oder Hillinger auf weibliche (oder Philipp Kuhn, damit auch noch ein Deutscher dabei ist). Wie die Bienen am Honigtopf hängen die Herren an ihren Lippen. Sie ist aber auch eine richtig Nette, hübsch und kompetent und mit leisem Humor gesegnet.

Mit zwei Partnern betreibt sie nun (u.a., jemand wie sie ist ja mit einem Projekt nicht ausgelastet) die Bodegas Ercavio. Das Konzept des Hauses ist die Konzentration auf die lokalen Rebsorten. Ihre Basislinie, deren Weißwein ich hier vorstelle, war sogar schon bei der DB vertreten und verschönte einem manch unvorhergesehenen Streckenhalt, wenn der Wein denn ordentlich temperiert war (meistens war er zu warm, das ist nicht geeignet, seine guten Eigenschaften zu betonen).

Der Wein ist eine Cuvée aus hauptsächlich (etwa 90%) Airén und Sauvignon blanc, duftet zart nach Zitrusfrüchten, ist am Gaumen frisch, saftig, knackig mit einer angenehmen Bitternote. Nach ein wenig Sauerstoffzufuhr entdeckt man auch angenehme frische Kräuternoten von Zitronenverbene und Melisse. Ein ordentlicher Wein, der durchaus Trinkvergnügen bereitet. Das einzig wirkliche Minus ist sein Plastikstopfen, da lobe ich mir doch den Schrauber des Silbermedaillengewinners oder den Kronkorken des Retsina. Kommentar Herr susa: Ja, kann man durchaus trinken – und morgen trinken wir einen feinen Bordeaux, ich bin dann schon mal weg in den Keller!

So, geschafft! Und für die nächste Rallye plädiere ich für "Kein Wein unter 50€!"

Die Zusammenfassung aller Rallyeteilnehmerbeiträge von Nico findet sich hier.

*Weinrallye, noch mal zur Erinnerung: ein vorgegebenes Thema auf vielen Blogs behandelt am letzten Freitag des Monats, ein Blog ist jeweils Gastgeber und Organisator. 

Beweisfoto, 4.90€
 


Kommentare:

  1. Da wird er stauen, der Herr H, dass dir eben doch was eingefallen ist. Zumindest ein neues Arrangement des äh „Bewährten“. Jedenfalls ist das Bingo Superplusplus!

    Mit meinem Favoriten in dieser Kategorie liege ich gar nicht so weit weg; ich würde wohl den Seixoso Vino Verde vorne haben.

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    1. Am schwierigsten fand der Leo die "Reschärsche".

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  2. susa,
    du bist unglaublich tapfer! Ich hätte auch Migräne gekriegt ;-)
    Da ich sehr gerne guten Wein trinke, vermeide ich "unnützen Alkohol". So nennen H und ich das, was nur unserer Leber schadet, aber keinen Genuss bringt. Ach, ich finde mich damit auch im Bingo wieder ;-)

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    1. ... und tapfer, dass Du bis zu Ende durchgelesen hast, Eline.

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  3. Unglaublich! Ich muss dem Gottfried rechtgeben! Leo, Dein 5-€-Wein-Bullshit-Bingo ist das innovativste, intelligenteste und unterhaltsamste was ich seit Jahrzehnten zu diesem Thema gelesen habe. Und ehrlich.....ich habe schon viel gelesen.

    Ich nehme übrigens den Retsina, schon wegen dem bezaubernden Kronkorken. Denn das ist die Diskussion, die vielleicht noch spannender ist als die Discounterdiskussion, die Korkdiskussion. Naja, vielleicht noch getoppt von der Spontanhefediskussion.

    Ansonsten versteh ich da sowieso nichts davon. Ich will ja auch niemanden bevormunden, weil ich bring den Wein immer von der Tanke mit. Der Weinhandel ist ja selber schuld. Und Biowein ist auch nur Beschiss! Der Markt ist einfach kaputt! Prost!

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  4. Ich muss auch zum Bullshit-Bingo gratulieren. Schon lange nicht so gelacht. Danke. Und der Rest erfrischend und eloquent. So macht Blog-lesen Spass.

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  5. Wow, klasse Beitrag - sehr ausführlich, da steckt viel Mühe drin. Danke! Mir geht's aber ähnlich: DIe Spanier sind derzeit in Sachen Preis-Leistung einfach klasse. Zumindest mir schmecken Sie aktuell besonders gut.

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    1. In der Klasse war der Basa von Telmo Rodriguez bei mir jahrelang der Küchenweinstandard.

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