Freitag, 4. November 2011

Freitag, Weintag!

….. und Geschichtenerzähltag. Es ist ja Herbst, die Abende werden länger, die Weine schwerer und bald wird es Zeit, dass wir den Kamin wieder anstochen.



Normalerweise beschweren sich die Leute ja immer, dass die Putzfrauen, 'tschuldigung die Reinigungsfachkräfte,  nicht ordentlich genug sauber machen. Und dann das: In einem Dortmunder Museum hat diese Woche eine Putzfrau ein Kunstwerk geputzt  und jetzt ist es keine Kunst mehr, sondern nur noch ein Haufen Holzbretter und eine Wanne und ein Schaden von 800.000€. Und das Publikum lacht sich klammheimlich eins ins Fäustchen.

Dabei weiß man doch seit der Badewannen- und Fetteckengeschichte von Beuys, das noch lange nicht alles Schmutz ist, was danach aussieht, vor allem nicht, in einem Museum. Vielleicht denken sich die Reinigungskräfte in der Stuttgarter Staatsgalerie auch, wenn sie die realistische Putzfrauenskulptur von Duane Hanson sehen "oh Kollegin ist schon da, machen wir schon mal im Nebenraum weiter!"

Man achte also den ehrbaren Beruf der Putzfrau nicht gering; um ihn ordnungsgemäß ausfüllen zu können, bedarf es nicht nur eines ausgeprägten Sauberkeitssinnes, auch elementare Grundkenntnisse der Chemie und Physik (Stichwort: Fenster streifenfrei putzen) sowie ein Grundstudium der modernen Kunstgeschichte sind unabdingbar notwendig. Finanzwirtschaftliche und anlagestrategische Kenntnisse könnten den Damen und Herren bestimmt zu dem einen oder anderen Nebeneinkommen verhelfen, so gut sind sie ja auch nicht bezahlt.

Dem Sommelier geht es ähnlich. In der Wahrnehmung nicht weniger seiner Kunden ist er nur der überbezahlte Hansel, der die Flasche aufmacht. Dabei muss ein Sommelier über ein vielfältiges Wissen verfügen. Er muss mit hellseherischen Fähigkeiten erahnen, welche Weine wohl in ein paar Jahren bei der Klientel ankommen, und diese rechtzeitig ankaufen; er muss betriebs- und lagerwirtschaftliche Kenntnisse haben, psychologische sowieso und er muss dem Informationsbedürfnis seiner Kunden genügen. Will heißen, der anspruchsvolle Kunde möchte nicht nur einfach eine Weinempfehlung, er möchte auch was zum Wein erzählt bekommen.

Und das, so hat ein italienischer Weinblogger herausgefunden, was der Kunde hören will, hängt von seinem Herkunftsland ab. So z.B. möchten die Italiener, Familienmenschen die sie sind, etwas über den Erzeugerbetrieb und seine Familiengeschichte hören, Engländer bevorzugen eher Details über die messbaren Eigenschaften und der Deutsche, der sucht das "Gute an sich", der sieht nicht nur den Wein, sondern auch eine metaphysische Komponente … oder so, nachzulesen hier.

Und nun gehe ich meiner Aufgabe als Blogsommelière nach und kredenze zu Tonis wunderbarem kleinen Herbstmenü die passenden Weine aus dem 180°-Keller.



Vor jedes Menü hat die kulinarische Choreographie ja den Aperitif mit ein paar Knabbereien gesetzt; vielleicht Miniflammkuchen oder sonst etwas Herbstliches und es gibt schon mal ein Glas zum Einstimmen. Hier empfiehlt der gute Sommelier gerne etwas Schäumendes, einen Winzersekt, einen Cremant oder Champagner. Aber viele Menschen mögen das gar nicht so gerne, gerade unter den Herrn gibt es nicht nur Rosé- sondern auch standhafte Champagnerverächter. Den Herren soll geholfen werden. Heute gibt es quasi als Sommerabschied einen trockenen Weißwein aus dem Roussillon

2009 Les Calcinaires blanc
Domaine du Gauby, VdP des Côtes Catalanes°°

eine Cuvée aus Muscat, Macabeu – eine Rebsorte, die man hauptsächlich aus Spanien kennt, aber das ist ja auch nicht mehr so weit weg – und Chardonnay. Der Wein ist angenehm trocken, er duftet nach Limetten, Mango und Blüten, hat am Gaumen feine Zitrusnoten und eine fast schon filigrane Eleganz, dabei eine durchaus frisch, leichte Mineralnote und mittellanger Abgang. Ein guter Einstieg in einen gemütlichen Abend.


Danach beginnt das Menü mit Tonis sensationellem Gänsemosaik, das nicht nur höchste Ansprüche an die kochtechnischen sondern auch an die feinmotorischen Fähigkeiten stellt, sonst sieht das niemals so schön regelmäßig aus. Dazu gibt es einen Wein, der ein wenig Schmelz und Süße mitbringt

2009 Gewürztraminer Kastelaz
Elena Walch, Südtirol°°°

Fast schon goldgelb funkelnd, wunderbarer Duft nach reifen Birnen, nach frischem Hefezopf, nach Rosenblüten und Rosenwasser und Weihnachtsgewürz, am Gaumen spielen diese feinen Aromen alle noch einmal zusammen, der Wein ist weich und doch klar und fest strukturiert, perfekte Harmonie zwischen anregender Säure und milder Süße, Extrakt, alles in einem feinen langen Abgang endend.

Das Feldsalatsüppchen muss nicht zwingend einen Wein haben, ich bin kein Freund von Wein zur Suppe, ich finde das verwässert die Aromen sowohl der Suppe als auch des Weines. Und wenn einer unbedingt einen Schluck Wein dazu braucht, dann ist sicher noch ein bisschen vom Gauby übrig.

Dann folgt der Hauptgang, das Schweinerne mit Bratkartoffeln, ganz köstlich. Und heute, ganz entgegen meiner üblichen Vorlieben, bleiben wir weiß, es gibt den

2007 Riesling Kastanienbusch GG
Ökonomierat Rebholz, Pfalz °°°°

Schon fast wuchtig zu nennen, wunderbarer Duft nach Pfirsich und Zitrusfrüchten, am Gaumen diese klare Riesling-Eleganz gepaart mit Kraft und Schmelz, stattliches Säuregerüst, vollendet von einer wunderbaren Mineralität. Dieser Wein kann auch als Solitär genossen werden, aber zu diesem kräftigen Gericht mit einfacher und klarer Aromatik bildet er einen spannenden Gegenpol.

Zum Schluss das Dessert, Hagebutte und Marone, herbstliche Süße, hocharomatisch und dazu natürlich einen feinen Süßwein, ein Rieslaner

2008 Randersackerer Sonnenstuhl Rieslaner Auslese
Weingut Schmitt's Kinder, Franken (0.357 l)°°

In der Nase neben Aromen von getrockneten Aprikosen und Birnen auch eine erdige Mineralnote, am Gaumen zart schmelzig ohne klebrig zu wirken, Aromen von Pfirsich und Apfel, feine Mineralik, feines Süße-Säurespiel, geschliffener recht langer Abgang.

Jetzt noch einen Espresso und vielleicht ein Schnäpschen, das war aber wieder ein gelungener Abend.


Prost!
Ein angenehmes Wochenende




Kommentare:

  1. Die Putzfrauen bei uns im Ruhrpott sind sehr ordentlich. Vielleicht hatte sie auch schon Wein verkostet.

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  2. Muss man solche "Kunst" immer gleich erkennen. Egal ob "Fettecke" oder ein "weißer Rand", wie bescheuert muss man sein, wenn man für diesen "Rand" 800.000 € bezahlt. Ich fass es nicht!

    Wenn es danach geht: In unserer Küche findet man auch gelegentlich weiße und auch andersfarbige Ränder. Sollte sich jemand dafür interessieren, ich würde sie für weniger als 800.000 anbieten, quasi lauter Schnäppchen! ;-)

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  3. Trüge die arme ordnungsverliebte Dame einen berühmten Namen, hätte das Objelt nach der Reinigung vermutlich einen weitaus höheren Wert als den des Verlustets.
    Und die Moral von der Geschicht: Namen sind eben doch so unwichtig nicht!!!

    Dass Freitag Weintag ist, bekomme ich heute übrigens gleich doppelt zu spüren, beidesmal ein Genuss :o)

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  4. Vergnueglich zu lesen, liebe Susa!

    Schöne Weinauswahl. An den Weine des Herrn Oekonomierates merke ich immer wieder, dass ihr Deutschen eindeutig ein Gen für höhere Säuretoleranz habt, das mir fehlt.

    Moderne Kunst geht über naturalistische Darstellungen in Öl auf Leinwand hinaus und kann sich, wenn man sich vor Ort darauf einlässt, durchaus als sehr interessant und anregend herausstellen. Aehnlich wie Avantgarde in der Gastronomie. Daher finde ich so manche aus der Ferne und ohne jede Hintergrundinformation abgegebene veraechtliche Beurteilung (nicht hier sondern in anderen Medien) zumindest ignorant.

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